[w+] Es ist Samstagmorgen, ich schäle mich nach einem ruhigen Vorabend aus der Pofe und hieve mich unter die Dusche und der Tag kann beginnen. Es ist Samstag, der 31. Januar im Jahre 2009, die Rückrunde der Fußball-Bundesliga startet endlich. Ich freu mich drauf, auch wenn mit Bayer Leverkusen ein eher langweiliger Gegner im Westfalenstadion auf der Punktejagd geärgert werden soll. Und trotzdem ist nicht alles wie gewohnt. Den tragischen Unfall vom Mittwochabend hatte ein jeder noch im Hinterkopf, auch wenn jeder anders damit umgegangen ist.
Ich für meinen Teil schlüpfte nach der Dusche in meine Klamotten, legte meine Winterjacke an – es war knackig kalt – und schlenderte die kleinen Nebenstraßen runter zur U-Bahnstation, wobei mich meine Lieblingsmusik über Kopfhörer auf dem Weg begleitete. So konnte der Tag weitergehen. Mein Weg führte mich dann mit der Bahn durch die Innenstadt, wobei ich sagen muss, dass ich verdammt gerne mit der Bahn durch die beziehungsweise unter der Stadt fahre. Früher als ich noch täglich mit der Tram gefahren bin, hat es mich nur angenervt, jetzt wo es nur ab und an passiert, hat sich das wieder gewandelt.
Im TU-Laden wurde erstmal ausgiebig gefrühstückt, es gab belegte Brötchen, wobei meine Wahl auf je vier Hälften Mett und Käse fiel. Für Euch ist diese Information bestimmt eher subinformativ, aber mir verhilft es dazu, mich bei den fleißigen Helferlein an dieser Stelle herzlich zu bedanken. Der Laden füllte sich zu früher Stunde recht schleppend, später war er dann in gewohnter Weise bumsvoll und bestätigt uns in unserem damals gegangenen Schritt, einen eigenen Laden zu eröffnen. Mal ehrlich, was kann es geileres geben, als unabhängig und frei zu sein, und selber über sich bestimmen und sich entfalten zu können? Mir fallen nur wenige Dinge ein, die ich noch besser finde.
Nach Frühstück, Freunde treffen, quatschen und Erlebnissen anderer lauschen ging es dann früh wie immer in Richtung Westfalenstadion. Wir waren sehr früh im Stadion und somit auch unter der Süd. Es ist anfangs dort auch immer sehr still, aber an diesem Samstagmittag vernahm man die leise Geräuschkulisse ganz anders wahr als sonst. Die Ruhe wirkte irgendwie bedrückend. Die Blicke fast aller gingen mindestens einmal hoch zum Aufgang von Block 13, wo sich am Mittwochabend der Unfall ereignete. Die Fanabteilung stellte vor dem Fanprojektraum Tische auf und legte ein Kondolenzbuch aus, in welches auch ich mich selbstverständlich eintrug. Solche Dinge sind, wenngleich ich Kevin nicht kannte, nicht schön und ich bin froh über jeden Tag, an dem ich mich den schönen Dingen des Lebens widmen kann. Ruhe in Frieden!
Alsbald machte ich mich aber auf in den Block und stieg die Treppen in Block 12 herab und verbrachte die restliche Stunde vor dem Anpfiff dort unten mit Fahnenschwenken, quatschen und anderen Dingen, die man halt macht, wenn man Zeit überbrücken muss. Der Verein kündigte im Vorfeld der Partie an, das Rahmenprogramm auf ein Mindestmaß runterzuschrauben, um dem Toten zu gedenken. Hat sehr gut funktioniert und auch dafür möchte ich mich bei den entsprechenden Stellen beim BVB bedanken. Ihr habt Fingerspitzengefühl bewiesen. Das obligatorische „You’ll Never Walk Alone“, welches ich im Normalfall nicht mitsinge, ging auch über meine Lippen und da Norbert Dickel dies vorher Kevin widmete, überkam mich eine ganz besonders ausgeprägte Gänsehaut und der Kloß im Hals war deutlich bemerkbar. Beim Blick in die um mich herumstehenden Gesichter konnte ich ähnliche Gefühle erkennen. Es war ein sehr bewegender Moment, da die Fahnen, die normalerweise dazu geschwenkt werden, nur gehalten wurden und somit zu Ehren von Kevin auf „Halbmast“ hingen. Leider beteiligten sich im oberen Bereich der Süd nicht alle Fahnenschwenker daran. Nach dem YNWA kamen dann „Kevin“-Sprechchöre auf, welche den Kloß in meinem Hals noch einmal erheblich vergrößerten. Warum aus dem Gästeblock von einem nicht grade kleinen Teil dann ein „BVB Hurensöhne“ kam, weiß ich nicht. Normalerweise juckt mich dieses an Geist kaum zu übertreffende Lied nicht im Geringsten, aber in diesem Moment hätten sie einfach mal die Fresse halten und Feingefühl für die Situation beweisen sollen.
Dann sollte es auch losgehen und das Spiel startete dann mit einer Schweigeminute, in der mehrere Spruchbänder an Kevin gedachten und auch ein kleines Spruchband im Gästeblock im Bereich der Ultras Leverkusen konnte der Stadionbesucher erblicken. Dies zeigt dann auch, dass nicht bei allen Gästen Hopfen und Malz verloren ist. Vielen Dank an dieser Stelle nach Leverkusen für diese Geste, die sicherlich nicht selbstverständlich ist.
Das Spiel selber war aufgeteilt in Licht und Schatten. Die erste Hälfte hat mir gut gefallen, da hat die Einstellung und der Wille gestimmt und unsere Elf konnte mit etwas Glück und Mithilfe der Leverkusener Hintermannschaft sogar in Führung gehen. In der zweiten Halbzeit war dann die Kraft wohl nicht mehr da, denn es lief nicht mehr viel zusammen und folgerichtig konnte Bayer noch ausgleichen. Alles in allem war das schon ok so, denn Leverkusen spielt diese Saison einen Klassefußball, der für unsere junge Truppe noch ein wenig zu hoch ist. Aber mal im Ernst, wer hätte vor Beginn dieser Spielzeit ernsthaft daran geglaubt, nach beiden Spielen gegen die Werkself mit vier Punkten dazustehen? Ich nicht, Ihr etwa?
Auf den Rängen war es ähnlich wie beim Spiel. Ging die erste Hälfte weitestgehend klar flachte die Stimmung im zweiten Durchgang wieder etwas ab, so dass wir alles in allem wieder von einem normalen Heimspiel sprechen können. Optisch gab es zum Einlaufen der Mannschaften viele Fahnen und Halter und die schon erwähnten Spruchbänder für Kevin. Zur zweiten Halbzeit gab es von TU noch ein Spruchband Richtung Bild-Zeitung, die den Todesfall innerhalb der BVB-Familie natürlich nutzte, um in gewohnter Art und Weise schön plakativ und recherchenfrei zu berichten. Wer auch nur einen Cent für dieses Drecksblatt ausgibt oder auch nur eine Zeile von diesem Müll liest und sich dann auch noch ausreichend informiert fühlt, hat für mich einen an der Klatsche – und kommt mir nicht mit dem ach so guten Sportteil! Lasst die Bild links liegen und investiert lieber ein paar Cent mehr und legt Euch richtige Tageszeitungen zu, die nicht aus dem Hause Springer entstammen. Das bildet im Gegensatz zu Boulevardzeitungen wirklich.
Die Gäste vom Rhein konnten akustisch keine Bäume ausreißen. Auch in Sachen Quantität konnten sie weder positiv noch negativ überraschen. Es waren auch nicht mehr als sonst, aber eben auch nicht weniger. Auch optisch blieben sie blass. Eigentlich schade, sind die Erlaubnisse von Fanutensilien hier in Dortmund sehr freundlich ausgelegt und bis auf Pyrotechnik so gut wie alles erlaubt. Aber das ist ja für viele Szenen nur ein fauler Kompromiss…
Nach dem Spiel ging es nach kurzer Nahrungsaufnahme in ‘ner Frittenschmiede im Klinikviertel in die „Kaktus Farm“, wo sich TU den Vorgaben des Gesetzes beugen musste und die Jahreshauptversammlung abhielt, die dann zu späterer Stunde in eine kleine, aber feine Gruppenfeier überging.
Kommenden Sonntag geht es zu den Bayern, mal sehen wie wir dort abschneiden. Auf den Rängen können wir das Duell immer recht sicher für uns entscheiden, nur kann ich das leider nicht für das Spiel auf dem grünen Rasen behaupten. Ich habe schon bei allen Bundesligagegnern Siege der glorreichen Borussia gesehen. Nur nicht in München gegen die Bayern – na ja und in Hoffenheim halt nicht…
Es grüßt
das Kreuzworträtselmonster